Krise als Chance für die Zukunft

Das Kfz-Gewerbe steht vor großen Herausforderungen: neue Antriebstechnologien, Mobilitätswende, Fachkräftemangel, Konzentrationsprozesse im Handel und der alle Bereiche erfassende Prozess der Digitalisierung. 

Kfz-Unternehmer stehen vor großen Umbrüchen und die Branchenorganisation muss Antworten und Lösungen finden für die vielen Fragen und Probleme ihrer Mitglieder. Präsident Frank Mund ist auch in den nächsten drei Jahren Gesicht und Kopf des Kfz-Gewerbes im größten Bundesland. Er steht Rede und Antwort.

 

Tachometer: Herr Mund, die Innungsobermeister der Kfz-Innungen in NRW haben Ihnen für die nächsten drei Jahre erneut ihr Vertrauen ausgesprochen. Welche Ziele haben Sie sich für die neue Amtszeit gesetzt?
Mund:
Die Arbeit kann man nur im Team bewältigen. Deshalb freue ich mich, dass mit den beiden neuen Vizepräsidenten, Hermann Bleker und Detlef Grün, Kollegen an meiner Seite stehen, die ich aufgrund langjähriger gemeinsamer Vorstandsarbeit schätzen gelernt habe und die außerdem echte Unternehmerpersönlichkeiten und Branchenkenner sind. Deshalb haben wir uns die Ziele auch gemeinsam gesteckt. Ein wichtiges Projekt ist die Modernisierung der Ausbildung in unserer Branche.


Tachometer: Um welche Aspekte geht es dabei?
Mund:
Zuerst werden wir weiterhin an der Digitalisierung des Prüfungswesens arbeiten. Prüfungen, und da denken wir erst einmal an die theoretischen, im Onlineformat durchführen zu können, unterstreicht nicht nur die Technikaffinität des Kfz-Handwerks, sondern ist die Antwort auf mehrere Herausforderungen. Es geht um den Aufbau eines Qualitätsmanagements für Prüfungsaufgaben, um die Entlastung der Ehrenamtsträger in den Prüfungsausschüssen und die Möglichkeit, technische Sachverhalte mit ihrer zunehmenden Komplexität in der Prüfung besser darstellen zu können. 


Tachometer: Müssen auch Ausbildungsinhalte verändert werden?
Mund:
Ja. Wir müssen die Ausbildungsinhalte noch stärker an die dynamische Entwicklung der Fahrzeugtechnik, wie sie gegenwärtig durch das Vordringen alternativer Antriebstechnologien vorangetrieben wird, anpassen. Dabei werden wir dies auch zugleich als Chance wahrnehmen potenzielle Auszubildende und ihre Eltern davon zu überzeugen, dass das Kfz-Gewerbe nach wie vor Zukunft hat. Zwar wird der Ver-brennungsmotor auch weiterhin eine wichtige Rolle spielen, aber eben nicht allein.  Elektro- und Brennstoffzellentechnologie nehmen auch in unserer Ausbildung einen immer wichtigeren Platz ein. Wir sind schließlich die Branche, die auch zukünftig der Garant für die Individualmobilität sein wird. Das erfordert nicht nur die Veränderung von Ausbildungsplänen, sondern auch die Modernisierung unserer überbetrieblichen Ausbildungseinrichtungen. Hier werden wir uns stärker als bisher in den Diskurs um die Verteilung von Fördermitteln und die Planung der Infrastruktur von Bildungszentren in der Handwerksorganisation und der Politik einbringen.


Tachometer: Geht es nur um Ausbildung?
Mund: Nein. Wir müssen das Thema Weiterbildung im Sinne einer Qualifikationskarriere neu denken. Während es mit der Meisterprüfung das Gegenstück zum Bachelorabschluss im Handwerk bereits gab, setzt das neue Berufsbildungsgesetz noch einen drauf: der Master professional soll im Handwerk dem Masterstudienabschluss entsprechen. Einen solche Qualifikationsstufe gibt es in unserer Branche noch nicht. Dennoch sehe ich den Bedarf, denn vor allem in den größeren Betrieben stellen technische Produktkomplexität, Betriebsorganisation, Personalführung, Digitalisierung schon länger neue Herausforderungen an die Führungskräfte – auch im mittleren Management. Darauf können und müssen wir mit diesem neuen Abschluss Antworten finden. Auch dadurch schaffen wir neue berufliche Perspektiven für Berufseinsteiger und junge Führungskräfte. 

 

Tachometer: Sind die aktuellen Beschränkungen in der Corona-Pandemie für die Umsetzung dieser Ideen nicht hinderlich?
Mund:
Sie könnten sogar in mehrfacher Hinsicht ein Vorteil sein. Beim Thema Digitalisierung wirkt die Krise wie ein Katalysator. Außerdem hat Corona den Arbeitsmarkt noch einmal komplett durcheinandergewirbelt. Gegenwärtig haben sich gerade große Unternehmen entschlossen, keine neuen Mitarbeiter einzustellen. Viele Industrie- und Handelsunternehmen setzen vor allen Dingen junge Mitarbeiter mit kurzer Berufsbiographie frei. Darin liegt eine Chance für clevere Kfz-Unternehmer. Da unsere Branche im Werkstattbereich bisher weniger unter Corona gelitten hat als andere, sollten sie gerade jetzt junge Leute einstellen, um dem drohenden Fachkräftemangel proaktiv zu begegnen.