Mehr Wert?

Mit Wirkung 1. Juli 2020 wurde auf Grund der Auswirkungen der Corona-Krise überraschend der Regelsatz der Umsatzsteuer gesenkt.

 

Befristet für ein halbes Jahr wurde der Regelsatz der Umsatzsteuer um drei Prozentpunkte, von 19 auf 16 Prozent, reduziert. Damit ist die Umsatzsteuersenkung die wichtigste Maßnahme im Konjunkturprogramm der Bundesregierung. Mit diesem "Marshallplan 2.0" soll die Wirtschaft im zweiten Halbjahr 2020 angekurbelt werden.

 

Für die Mitgliedsbetriebe ergeben sich zwar Chancen - im Fahrzeughandel wie im Service -, umsatz- und auslastungsmäßig zu profitieren. Jedoch hat die befristete Steuersenkung unerwartete Auswirkungen in vielen Unternehmensbereichen. Außerdem müssen Unternehmer zahlreiche bürokratische Hürden und auch fiskalische Fallstricke beachten

Umsatzsteuerhöhe

 

Zunächst stellt sich die Frage, ob oder vielmehr wann welcher Umsatzsteuersatz, entweder 16 Prozent oder 19 Prozent, gilt. Das hängt immer davon ab, zu welchem Zeitpunkt die Umsatzsteuer auf eine Lieferung oder 
erbrachte Leistung zu berücksichtigen ist.


Für die Entstehung der Umsatzsteuer und die richtige Anwendung des Steuersatzes ist es entscheidend, wann eine Lieferung oder Leistung ausgeführt und vom 
Auftraggeber abgenommen worden ist.


Bei einer Fahrzeuglieferung ist es die Verschaffung der Verfügungsmacht (Übergabe), bei einer Werkstattdienstleitung ist es der Zeitpunkt der Auftragsvollendung (Abholung). Damit ist weder der Tag der Rechnungstellung noch der Tag der Zahlung für die Höhe des Steuersatzes maßgeblich. Hier wird in der Praxis viel falsch gemacht.


Beispiele:
Wurde das reparierte Fahrzeug vom Kunden bereits vor dem 1. Juli abgeholt, die Rechnung jedoch erst nach dem 1. Juli an den Kunden verschickt, gilt der Mehrwertsteuersatz von 19 Prozent. 


Wird ein Fahrzeug vor dem 1. Juli gekauft, aber erst nach dem 1. Juli an den Kunden ausgeliefert, gilt der neue Steuersatz von 16 Prozent. Das gilt sowohl für regel- als auch differenzbesteuerte Fahrzeuge.


Länger andauernde Instandsetzungsaufträge, wie z. B. Fahrzeugrestaurierungen, die vor dem 1. Juli begonnen wurden und erst im zweiten Halbjahr fertigestellt bzw. abgenommen werden, werden demnach mit 16 Prozent Umsatzsteuer belastet, sofern die Rechnungserstellung über den Gesamtbetrag erfolgt.


Im Gegenzug gilt: wird ein Auftrag erst nach dem 31. Dezember 2020 abgeschlossen und erfolgt eine abschließende Rechnung, ist der komplette Auftrag mit 19 Prozent Umsatzsteuer abzurechnen. 

 

Es gilt also: Lieferungen und Leistungen, die bis zum 30. Juni 2020 erbracht und abgenommen wurden, erscheinen mit 19 Prozent auf der Rechnung; solche, die im Zeitraum zwischen dem 1. Juli und 31. Dezember 2020 erbracht und abgenommen werden, müssen mit 16 Prozent ausgewiesen werden.

Vorsteuerabzugsberechtigung

 

Vorsteuerabzugsberechtigte Kunden werden keine Probleme damit haben, wenn ihnen 16 Prozent oder ab 2021 wieder 19 Prozent für eine Leistung oder Lieferung in Rechnung gestellt werden, da sie diese in voller 
Höhe als Vorsteuer geltend machen können, sofern der korrekt anzuwendende Umsatzsteuersatz in Rechnung gestellt wird.

 

Anders stellt sich die Sachlage für Privatkunden dar, die mit der Umsatzsteuer belastet werden. Diese Kundengruppe ist bestrebt, dass in Auftrag gegebene Lieferungen und Leistungen bis zum 31. Dezember 2020 erbracht werden, um eine Mehrbelastung zu vermeiden. Da der Preis gegenüber Verbrauchern immer inklusive der Umsatzsteuer anzugeben ist, sollte vereinbart werden, dass sich bei Änderungen der Umsatzsteuer der Kaufpreis entsprechend ändert.

Für Kfz-Betriebe ergeben sich daraus zahlreiche Bereiche, in denen die Umsatzsteuerabsenkung zu Handlungen zwingt. 

Preisangaben

 

Unternehmen mit Ladenlokalen können für die vorübergehende Senkung der Mehrwertsteuer von einer Ausnahmemöglichkeit in der Preisangabenverordnung Gebrauch machen. Sie erlaubt es, an der Kasse pauschale Rabatte zu gewähren, ohne die Preisauszeichnung an jeder einzelnen Ware zum 1. Juli 2020 zu ändern.

 

Voraussetzung dafür ist, dass dieser Pauschalrabatt nach Kalendertagen zeitlich begrenzt ist, durch Werbung bekannt gemacht wurde (das kann auch im Ladenlokal geschehen) und dass es sich um generelle Preisnachlässe handelt.

Dauerschuldverhältnisse

 

Bei Dauerleistungen sind die Nettopreise maßgeblich, auf die die gesetzliche Umsatzsteuer aufgeschlagen wird.  Bei der Reduzierung der Umsatzsteuer, müssen Vorsteuerabzugsberechtigte die Vorsteuer entsprechend korrigieren. Maßgeblich ist das Ende des Leistungsabschnitts (z. B. Monatsletzter).

 

Sicherzustellen ist, dass dazu vom Vertragspartner die für den Absenkungszeitraum ausgewiesene Umsatzsteuer in den Verträgen oder Dauerrechnungen angepasst wird, ansonsten wird die höhere Umsatzteuer geschuldet.

 

Bei Leasingverträgen muss unterschieden werden ob Leasinggeber Netto- oder Bruttoraten ausgewiesen haben. Nur im ersten Fall ergibt sich eine Änderung für den Absenkungszeitraum, da auf die Nettorate die  abgesenkte Umsatzsteuer zur Anwendung kommt.  

Erhaltene oder geleistete Anzahlungen

 

In der Kfz-Branche werden gelegentlich Anzahlungen beim Fahrzeugkauf oder bei einer Reparatur gefordert. Bei erhaltenen Anzahlungen auf Lieferungen und Leistungen, die nach dem 30. Juni ausgeliefert bzw. erbracht werden, müssen Unternehmer Berichtigungen bei der Umsatzsteuer und beim Vorsteuerabzug vornehmen, da der Umsatzsteueranteil in der Anzahlungsrechnung 19 Prozent betrug. Der Kfz-Betrieb bekommt also die zu viel gezahlte Umsatzsteuer vom Finanzamt zurückerstattet. Das gleiche gilt auch für Vorausrechnungen, ausgestellt vor dem 1. Juli 2020.

 

Bei geleisteten Anzahlungen vor dem 1. Juli muss ebenfalls eine Vorsteuerberichtigung erfolgen, wenn die Erbringung der Leistung oder Lieferung erst im zweiten Halbjahr erfolgt. Denn der Vorsteuerabzugsbetrag aus der geleisteten Anzahlung betrug 19 Prozent, jedoch fällt die Lieferung bzw. Leistungserstellung in den Zeitraum nach dem 30. Juni. Damit reduziert sich der Anspruch auf Vorsteuererstattung auf 16 Prozent gegenüber dem Finanzamt.

Rechnungswesen

 

Für die Buchhaltung ist es ratsam, ergänzende Bilanzkonten zur Umsatzsteuer anzulegen, um die unterschiedlichen Umsatzsteuer- und Vorsteuersätze in den beiden Halbjahren des Jahres 2020 erfassen und abgrenzen zu können.

Umsatzsteuerrisiken

 

Falls Rechnungen oder Kassenbons nach dem 30. Juni noch auf 19 Prozent Umsatzsteuer lauten, dann muss auch der genannte Steuersatz abgeführt werden. Sind Kunden zum Vorsteuerabzug berechtigt, droht der Verlust in Höhe der Umsatzsteuerdifferenz von 16 Prozent zu 19 Prozent. In dem Fall entsteht eine nicht abziehbare Umsatzsteuerbelastung für den Rechnungsaussteller.

Kassensysteme

 

Kfz-Unternehmen mussten die Software ihrer Kassensysteme an die neue Umsatzsteuer anpassen bzw. anpassen lassen. Dazu sollte geprüft werden, ob die bisherigen hinterlegten Steuerschlüssel für den Zeitraum 1. Juli bis 31. Dezember nicht nur ‚überschrieben‘  wurden. Vielmehr muss unbedingt ein neuer Steuersatz  angelegt werden, um im Rahmen von späteren Betriebsprüfungen – aufgrund der ansonsten identisch belegten Steuerkennzeichen in der Kassensoftware – die Nachvollziehbarkeit und die Anwendbarkeit der jeweiligen Steuersätze um den Umstellungszeitpunkt in Frage gestellt werden könnte.   

Umsatzsteuervorteile

 

Unternehmen sind übrigens nicht verpflichtet die Umsatzsteuersenkung an Kunden weiterzugeben. In dem Fall kann die bisherige Preisauszeichnung beibehalten und  gegenüber den Kunden abgerechnet werden. Als Konsequenz wird einfach weniger Umsatzsteuer an das Finanzamt abgeführt mit der Folge, dass sich der Gewinnanteil für den Verkäufer vergrößert. Anders stellt sich die Situation dar, wenn mit einem  Vorsteuerabzugsberechtigten ein Nettofixpreis ausgehandelt wurde. Dann muss der Leistende bzw. Liefernde die Steuersenkung weitergeben.

Fazit


Sofern Lieferungen und Leistungen gegenüber vorsteuerabzugsberechtigten Unternehmern erbracht werden, ist es letztlich gleichgültig, ob die Leistung vor oder nach der jeweiligen Steuersatzänderung erfolgt, da die Steuer beim Leistungsempfänger aufkommensneutral, also nicht kostenwirksam ist.

 

Bei nicht vorsteuerabzugsberechtigten Kunden hingegen ist die Umsatzsteuer kostenwirksam, so dass eine Lieferung bzw. Ausführung der Leistung im Absenkungszeitraum für ihn vorteilhaft sein kann. Etwaige Verkaufs- und Umsatzsteigerungen sind deshalb am ehesten für die Mitgliedsbetriebe von den privaten Kunden zu erwarten, da nur diese von der Umsatzsteuersenkung profitieren.

 

Ob der Betrieb darüber hinaus vom Effekt der Umsatzsteuerabsenkung profitieren kann, wird davon abhängen, ob er die Senkung in Gänze oder zumindest teilweise an die Kunden weitergibt. Dabei muss man im Auge behalten, wie sich die Wettbewerber verhalten.

 

Stets ist aber auf die richtige Ausstellung der Rechnung zu achten. Die Finanzverwaltung wird in künftigen Betriebsprüfungen die korrekte Anwendung der Umsatzsteuersätze kontrollieren. Daher ist dringend zu empfehlen, Liefer- bzw. Leistungsdatum zweifelsfrei zu dokumentieren, z. B. über den Termin der Zulassung, ein ordnungsgemäß ausgefülltes Übergabeprotokoll, einen quittierten Lieferschein, Abholscheine, Versandprotokolle u. ä..