Ausgabe 05 | 2022

Lohnt sich die AU in Zukunft noch?

Einführung der Partikelmessung für EURO6-Dieselfahrzeuge.

Lohnt sich die AU in Zukunft noch?

Mit der erforderlichen Investition für die Partikelmessung im Abgas von Fahrzeugen mit Dieselmotoren der Abgasnorm EURO 6 ab dem 01. Januar 2023 stellt sich für die Inhaber anerkannter AU-Werkstätten die Frage, ob und unter welchen Voraussetzungen die Eigendurchführung der AU wirtschaftlich künftig noch sinnvoll ist.

Bis jetzt rechnet sich aus rein kaufmännischer Sicht für eine Kfz-Werkstatt die Abgasuntersuchung ab 220 Prüfungsaufträgen und einem Preis von 38 € pro Auftrag. Das entspricht etwa einem AU-Auftrag pro Betriebsöffnungstag. Sind zum Bestehen der AU noch Arbeiten am Abgasstrang erforderlich, amortisieren sich die Betriebskosten auch schon deutlich früher. Bis hierhin gilt: die AU ist für den Großteil der Kfz-Betriebe nach wie vor ein Renditebringer und als hoheitliche Dienstleistung für die meisten Betriebsinhaber Aushängeschild ihrer eigenen technischen Kompetenz.   

Mit der Einführung der Partikelmessung für EURO6-Dieselfahrzeuge müsste der Betrieb in neue Messtechnik investieren. Wer spontan neue Ausgaben für die Durchführung der AU ablehnt, kann bei der Geschäftsstelle seiner Kfz-Innung die Einschränkung seiner bisherigen AU-Anerkennung beantragen. Ein einfaches formloses Schreiben oder eine Mail genügt hierfür. Mit der Modifizierung seiner bisherigen AU-Anerkennung bliebe für den Betrieb alles beim Alten; AU-Kunden mit EURO6-Dieselfahrzeugen müsste er allerdings künftig abweisen oder als Prüfstützpunkt-Betrieb vom Prüfingenieur der betreffenden Überwachungsorganisation bedienen lassen. 

Für die Anschaffung eines Partikelmessgerätes müssen zwischen 5.000 € und 8.500 € – je nach Hersteller und Ausführung – kalkuliert werden. Eine Alternative zum Kauf kann Leasing sein, mit monatlichen Raten ab 130 € bis 200 € abhängig von der vereinbarten Nutzungsdauer von fünf oder drei Jahren. Bisher haben noch längst nicht alle Hersteller die Bauartprüfung der Physikalisch-Technischen Bundesanstalt in Braunschweig bestanden. Dies dürfte aber die Voraussetzung sein, um überhaupt in Serienfertigung gehen zu können. Anbieter, die diese Hürde bereits genommen haben, wie der österreichische Hersteller AVL Ditest können auch klare Lieferzusagen einhalten.

Je nach Anteil der EURO6-Dieselfahrzeuge am AU-Aufkommen im Betrieb, beantwortet sich die Frage, wann solch eine Investition kaufmännisch vernünftig ist. Dabei darf aber nicht übersehen werden: der Anteil der EURO6-Fahrzeuge wird in der Gruppe der Dieselfahrzeuge in den nächsten Jahren noch leicht wachsen und im Verhältnis zu der Gruppe der Altfahrzeuge zunehmend stärker werden.

Außerdem sollten Werkstattinhaber nicht die Anforderungen der Fahrzeughersteller aus dem Auge verlieren, die ihnen im Rahmen eines Servicevertrages ohnehin die Anschaffung der neuen Partikelmesstechnik vorschreiben oder indirekt für die Durchführung von „Inspektionen und Wartungen nach Herstellervorgabe“ die Vorhaltung von Partikelmessgeräten für Dieselfahrzeuge der neueren Generation erfordern. Unternehmer, die ihre Entscheidung gegen die neue Prüftechnik nur mit Blick auf die Kalkulation der AU fällen, denken hier zu kurz! Auch für die Einstellung von Abgassystemen bei Arbeiten an EURO6-Dieselfahrzeugen wird die neue Technik künftig benötigt.

Zur gesamtwirtschaftlichen Sichtweise gehört aber auch die selbstkritische Frage, ob man sich in Sache AU gänzlich in die Abhängigkeit einer Prüforganisation begeben will und seine betrieblichen Abläufe an die Präsenzzeiten des Prüfingenieurs bindet. Oder, ob man als Unternehmer selbstbewusst das Heft des Handelns in der Hand behalten möchte – und vielleicht stattdessen ein höheres Entgelt vom Kunden einfordert.

Mit Blick auf das künftige Ringen um den Zugang zu technischen Herstellerinformationen ist die Beleihung der Kfz-Werkstätten mit hoheitlichen Aufgaben im Rahmen der periodischen Fahrzeugüberwachung ein gewichtiges Pfund. Kfz-Unternehmer, die sich hier als Kompetenzträger verabschieden, werden künftig neue Antworten auf die Frage nach ihrer betrieblichen Zukunft finden müssen. Das gilt auch und vielleicht sogar gerade für vermeintlich starke Fabrikatsbetriebe, die ihre Abhängigkeit von dem Hersteller der von ihnen gewarteten Produkte weiter erhöhen.
Inhaber von AU-Werkstätten, die auch gleichzeitig als Prüfstützpunkt für eine oder mehrere Über­wachungsorganisation dienen, sollten offensiv bei ihrer „Partnerorganisation“ eine Beteiligung an den Kosten für die neue Messtechnik einfordern und vom Wettbewerb der Überwacher um attraktive Prüfstützpunkte profitieren. Finanzielle Unterstützung bei der auch von ihren Prüfingenieuren und Sachverständigen mitgenutzten technischen Infrastruktur der Prüfstützpunkt-Werkstatt war auch bisher kein Tabu. Eine gute Beziehung sollte solche Gespräche über die Fortsetzung eines gemeinsamen Geschäftsmodells aushalten. Erweist sich der bisherige Partner in diesem Punkt als „sperrig“, so stehen in nahezu jeder Region Nordrhein-Westfalens mindestens noch drei weitere Gesprächspartner zur Verfügung. Das Ende einer Geschäftsbeziehung kann zugleich auch der Beginn einer neuen wunderbaren Freundschaft sein. Unternehmerisches Handeln zeichnet sich immer durch die Ausschöpfung aller Optionen aus.

Zusammengefasst sollte sich der besonnene Kfz-Unternehmer folgenden Überlegungen stellen:


Wird ein Partikelmessgerät ohnehin für die Tätigkeit als Fabrikatsservicepartner oder unabhängige Qualitätswerkstatt benötigt?

Amortisiert sich die neue Technik auf der Grundlage des jährlichen AU-Aufkommens?

Beteiligt sich die Partnerorganisation in meinem Prüfstützpunkt  oder ergibt sich hier ein Anlass für die Gespräche mit einem neuen Partner?

Für welches Gerät entscheide ich mich? Kann der Hersteller für das Gerät schon die Bauartprüfung der Physikalisch-Technischen Bundesanstalt nachweisen? Kann er einen Lieferzeitraum garantieren?

Beantrage ich die Beschränkung meiner AU-Anerkennung (alle anderen Fahrzeuge mit Ausnahme von EURO6-Diesel)?

Am Ende kommt es doch wieder anders?
Drei Monate bis zu dem Inkrafttreten der neuen Regelung sind keine lange Zeit. Tatsächlich dürften die Werbeaussagen vieler Gerätelieferanten mit Skepsis zu behandeln sein. Garantierte Lieferung bis zum 01. Januar 2023 bei sofortiger Bestellung? Wenn dem so ist, dann sollte man sich die Garantie auch schriftlich geben lassen!

Lieferanten, die hier zicken, wissen auch warum. Außerdem warten zahlreiche Hersteller noch auf die Zulassung aus Braunschweig. Auch die Prüforganisationen haben Druck, bis zum Jahresende über die neue Technik verfügen zu können. Ob jeder Prüfingenieur oder Sachverständige im Januar schon Partikel messen kann, ist fraglich. Das Bundesverkehrsministerium verweist wie so häufig, wenn es mit der praktischen Umsetzung der eigenen Maßnahmen eng wird, auf die Länder. Diese haben bereits in dem üblichen Reigen – einer vorsichtig auf den anderen schauend – das Problem der mangelnden Verfügbarkeit von Partikelmesstechnik zum Jahreswechsel erkannt. Zum Redaktionsschluss lag noch kein Ergebnis vor. Die Notwendigkeit für eine Übergangslösung ist da, eine Verschiebung des Termines aber derzeit noch ungewiss.

Auf diesem Wege dürfte jeder Kfz-Unternehmer für seine individuelle Situation eine Lösung im Umgang mit der neuen Situation ab dem 1. Januar 2023 finden. Zur ganzen Wahrheit gehört wie immer im Leben: wer nicht handelt, der wird behandelt.