Die Qual der Wahl – Der Zugang zu technischen Herstellerinformationen

Selbst erfahrene Werkstattmeister kommen bei modernen Fahrzeugen irgendwann an ihre Grenzen. Der Zugriff auf modelspezifische Informationen ist daher ausschlaggebend für erfolgreiche Arbeitsvorbereitung, Fehlersuche und Reparatur und hilft Zeit zu sparen, Arbeiten ordnungsgemäß durchzuführen und Ärger zu vermeiden. Die Bezugsquellen zu fahrzeugspezifischen Informationen gestalten sich daher vielseitig.

 

OEM – Der direkte Weg über den Hersteller
Seit Einführung der Euro-5 sind Hersteller dazu verpflichtet, allen Marktteilnehmern einen uneingeschränkten und standardisierten Zugang zu allgemeinen und diebstahlrelevanten Reparatur- und Wartungsinformationen (RMI) zu ermöglichen. Damit wäre es jeder Werkstatt möglich eine markenübergreifend die Programmierung und Aktualisierung von Steuergeräten anzubieten. Der Zugang zu allgemeinen Informationen ist in der Regel durch eine Registrierung über ein Web-Portal des Herstellers/ Importeurs gegeben. Wegen höherer Sicherheitsanforderungen muss bei diebstahlrelevanten Themen nach Abschluss der Registrierung meist noch ein Antrag zur Zertifizierung als Kfz-Betrieb gestellt werden.

 

Vorsicht: Kostenfalle!
Ein uneingeschränkter Zugang ist in der Regel nicht kostenfrei. Neben Allgemeinkosten für einen Internetzugang und die entsprechende Hardware, fallen noch individuelle Nutzungsentgelte und Zertifikatkosten an. Der Zugang wird meist über Zeitkontingente oder durchgeführte Operationen abgerechnet. Gängig sind Stunden-, Tages-, Wochen-, Monats- oder Jahreskontingente. Für eine Stunde nehmen die Hersteller im Schnitt 10,- €. Jahreskontingente liegen durchschnittlich bei 4.000,- €. Einige Hersteller verlangen unabhängig von der Nutzungsdauer ein Entgelt für durchgeführte Operationen wie Fehlerspeicher- Auslesen oder Steuergeräteprogrammierung. Eine Zertifizierung kostet im Schnitt 200,- € im Jahr. Die Entgelte gehören zu auftragsbezogenen Kosten und können mit Kundenaufträgen verrechnet werden. Dennoch sollten Betriebe prüfen, welche Herstellerzugänge und Kontingente für sie wirklich relevant sind.

 

PassThru – Der indirekte Weg zum Hersteller
Die Kommunikation zwischen Fahrzeug und Hersteller erfolgt über Vehicle Communication Interfaces (VCI). Jeder Hersteller bietet seine eigenen VCI an, Betriebe können aber auch marktübergreifende Adapter nutzen. Das Verfahren hierfür heißt Pass- Thru und ist nach SAE J2534 und ISO 22900 standardisiert. Die Registrierung bei den Herstellern ist weiterhin notwendig, doch markenübergreifende VCI können Anschaffungskosten reduzieren. Produkte wie der EURO-DFT von ADIS Technology stellen eine vorkonfektionierte Lösung bestehend aus VCI und PC-System dar.

 

Das Diagnosesystem als Portal
PassThru ist nicht nur Systemen wie dem EURO-DFT vorbehalten, mittlerweile haben auch Diagnoseanbieter wie Bosch und Hella- Gutmann nachgezogen und in ihren Testgeräten einen Pass- Thru-Adapter integriert. Werkstätten können damit zwischen einem Zugang zu Originalinformationen und aufbereiteten technischen Informationen des Diagnoseanbieters wählen.

 

Drittanbieter – Eine aufbereitete Information
Oftmals stammen die aufbereiteten RMI aber nicht von den Diagnoseanbietern selbst, sondern von Zulieferfirmen. Unternehmen wie Solera (Inhaber von Audatex und AUTODATA) beziehen Originalherstellerinformationen und bereiten diese gestrafft und auf das wesentliche reduziert auf. Durch eine einheitliche Struktur, Darstellung und Wortwahl kann dies Arbeitsprozesse erleichtern. Insbesondere für markenübergreifende RMI, die bei Karosserie- und Unfallschäden zur ordnungsgemäßen Instandsetzung notwendig sind, bieten Anbieter wie Tec-Alliance und Hanyes Pro eine umfassende Datenbank. Eine besondere Rolle nimmt der Anbieter Alldata ein, durch Lizenzverträge darf dieser auch originale Reparaturleitfäden bereitstellen. Der Nachteil zeigt sich dabei im Preis, so sind für die Nutzung im Jahr knapp 1.500,- € zu kalkulieren. Für Betriebe, bei denen Unfallschäden eine geringe Relevanz im Werkstattalltag darstellen, scheitern solche Lösungen aufgrund ihrer Wirtschaftlichkeit.

 

Das „Google-Wiki-Amazon“
Einen alternativen Ansatz bietet die Eurogarant mit seinem Werkstattportal Repair-Pedia. Die Plattform mit 3,7 Millionen Dokumenten versteht sich als eine Suchmaschine-Enzyklopädiemit- Einkaufsladen. Die Datenbank aus Reparatur-Tipps, IFLMeldungen und KTI-Studien umfasst außerdem RMI von Datenlieferanten wie AUTODATA, Tec-Alliance und Haynes Pro. Sie befindet sich zur Zeit aber erst noch im Aufbau: originale Herstellerinformationen waren bei Redaktionsschluss noch gar nicht enthalten. Nach Planung sollen künftig über eine intelligente Suchmaske RMI verschiedener Qualitätsstufen von „originaler Herstellerinformation“ bis „Tipp aus der Werkstatt“ gefunden werden. Die Registrierung und Suche ist kostenfrei. Erst die Abfrage der technischen Information wird in Rechnung gestellt. Somit kann die RMI einfach an den Kunden auftragsbezogen weiterberechnet werden. Eine RMI liegt im Schnitt zwischen 1,- € und 15,- €. Diese Form der Abrechnung bietet sich gerade für Betriebe an, bei denen Unfallschäden nicht zum täglichen Geschäft gehören. Alternativ kann zu Abrechnung auch eine Abo-Lösung vereinbart werden und durch die Anbindung an Kalkulationssysteme von Audatex, DAT und Schwacke bietet sich das Portal ebenfalls für Betriebe mit dem Schwerpunkt Karosserie-, Schadenreparatur und Lack an.

 

Fazit
Jedes Unternehmen muss seinen passenden Weg zur benötigten Information finden. Trotz Werbeversprechen zeigen alle Produkte Grenzen und versteckte Kosten, die es zu beachten gilt.

 

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