Ausgabe 05 | 2022

Aus Apfel wird Baum

Interview mit Marcel Grote.

Aus Apfel wird Baum

Der 32-jährige Arnsberger Kfz-Unternehmer Marcel Grote ist Deutschlands jüngster Obermeisterstellvertreter. Mit 20 machte er seinen Meister und übernahm sieben Jahre später das Ford-Autohaus von Großvater Friedhelm Steinke.

Ihr Großvater war lange Zeit Obermeister der Kfz-Innung Arnsberg. Sie haben seinen Betrieb übernommen. Gab sein Vorbild den Ausschlag, sich auch selber ehrenamtlich zu engagieren?
Grote: Man hat es zu Hause vorgelebt bekommen; das prägt natürlich. Kurz nach meiner Meisterprüfung hatte ich schon mal in die Arbeit des Prüfungsausschusses unserer Innung reinschnuppern dürfen. Dabei machte ich gleich eine entscheidende Erfahrung: man trifft kompetente Leute und wird schnell Teil eines Netzwerkes. Dabei lernt man Dinge, die den eigenen beruflichen Blick weiten. Durch regelmäßigen Austausch von Erfahrungen und Wissen profitieren am Ende alle.
 

"Wir sehen uns als Dienstleister für unsere Mitglieder und beraten,
unterstützen und vermitteln gerne."

Welche Herausforderungen sehen Sie für die Innung?
Grote:
Durch Corona ist es noch schwieriger geworden, die Mitglieder überhaupt zur Teilnahme an Veranstaltungen zu  motivieren. Es gibt zwar immer einen „harten Kern“, unser Ziel ist es aber, künftig deutlich mehr Mitgliedsunternehmer zu unseren Veranstaltungen zu locken. Wir sehen uns als Dienstleister für unsere Mitglieder und beraten, unterstützen und vermitteln gerne. Kreishandwerkerschaft und Innung bieten den Betrieben viel mehr, als den meisten Unternehmern bewusst ist. Gemeinsam mit Obermeister Jens Prause werden wir die Mitglieder in ihren Betrieben besuchen und im persönlichen Gespräch ihre Sicht auf die Innung und ihre Erwartungshaltung ergründen. Wir erhoffen uns wichtige Impulse für unsere Innungsarbeit.

Was wünschen Sie sich von der Branchenorganisation? Gibt es ein Thema, bei dem Sie sagen, da muss etwas geschehen?
Grote: Spontan denke ich vor allem an die einseitige Förderung der Elektromobilität. Ich bin Sauerländer. Und wenn ich auf die Bedürfnisse unserer eigenen Kunden schauen, dann lösen ÖPNV, Fahrräder und E-Autos sicher nicht die Mobilitätsprobleme der Menschen im ländlichen Raum. Auf Bundesebene wünsche ich mir noch mehr Offensive, die Politik von der Notwendigkeit zur Förderung klimaneutraler Kraftstoffe zu überzeugen. Mit Blick auf die aktuelle Entwicklung werden immer weniger Menschen das Geld haben, sich teure E-Autos mit hohen Reichweiten kaufen zu können. Sie werden darauf angewiesen sein, ihre Verbrenner weiter zu nutzen. Wenn wir mehr Geld und Ideen in die Produktion klimaneutraler Kraftstoffe investieren würden, täten wir mehr für Klima und die Menschen.

"Wir wollen das Thema nun aktiv angehen."

Wo gibt es bei Ihnen einen Daumen nach oben?
Grote: Beim neuen Onlineformat für die Gesellenprüfung. Wir hatten im Sauerland bereits vor einigen Jahren einen Testlauf für die digitale Prüfung mit unseren beiden Nachbarinnungen Brilon und Meschede, der damals noch gemeinsam mit einem externen Dienstleister durchgeführt wurde, was allerdings ein großer Aufwand war. Mit der in NRW entwickelten Onlineprüfung ist das deutlich einfacher. Wir wollen das Thema nun aktiv angehen. Die ersten Gespräche mit der Berufsschule als Prüfungsort haben wir bereits geführt. Gleiches gilt für Berichtshefte, die in meinen Augen heute nicht mehr mit der Hand geschrieben werden müssen. Das kann man gut digital lösen. Mit unseren zwei neuen Lehrlingen wollen wir von Beginn an digitale Berichtshefte führen.

Wie beurteilen Sie die Fachkräftesituation?
Grote: Wir haben bei uns im Betrieb eine sehr junge Mannschaft, darunter zwei Lehrlinge. Wir arbeiten eng mit dem Jobcenter zusammen und konnten einen Lehrling darüber rekrutieren, der ursprünglich aus dem Bereich Landbau­technik kommt. Seit September haben wir einen weiteren Lehrling, der bereits Berufserfahrung sammeln konnte und nun seine Ausbildung bei uns im Betrieb macht. Die Vorkenntnisse dieser beiden Mitarbeiter sind in der täglichen Arbeit natürlich sehr von Vorteil und wirklich eine Bereicherung für unser Team. Neben dem klassischen Weg über die bekannten Stellenportale und Jobcenter, nutzen wir mittlerweile auch Social-Media-Kanäle und konnten so einen neuen Gesellen finden. Häufig passen aber die Gehalts­vorstellungen von Quereinsteigern einfach nicht. Immer wichtiger wird außerdem die berufsbegleitende Weiterbildung, um „am Ball“ zu bleiben.