Ausbildung: teuer und wert?

In Sonntagsreden und bei Lossprechungsfeiern wird er oft beschworen: der Mut der Ausbildungsbetriebe, in die Zukunft zu investieren. 

 

Unternehmer und viele Praktiker in den Ausbildungsbetrieben kämpfen dann nicht selten damit, ihrer Unzufriedenheit über die mangelnde Qualifikation vieler Ausbildungsbewerber Luft zu machen. 

 

Doch letztlich bleibt es dabei: ohne Ausbildung, keinen Fachkräftenachwuchs.


Die Kosten der Ausbildung werden durch viele Faktoren bestimmt: Wie viel Zeit muss der Ausbilder in die Betreuung seines Schützlings investieren? Was bringt der Azubi bereits an Wissen und Fertigkeiten mit? Was muss man ihm erst mühsam beibringen? Wie produktiv ist ein Azubi am Ende seiner Ausbildung und wie viel Stunden steht er seinem Ausbildungsbetrieb neben ÜBL und Berufsschule überhaupt zur Verfügung? Die Höhe der Ausbildungsvergütung selbst fällt dabei gar nicht so sehr ins Gewicht. Dennoch reiben sich viele an ihr. Ist sie wirklich so bestimmend für die Attraktivität eines Ausbildungsplatzes? Ist sie Ausdruck von Wertschätzung oder muss sie die Existenzgrundlage eines Azubis sichern, der heute oftmals nicht mehr im Haushalt seiner Eltern lebt und zumindest auf dem Land ein Auto für seine Wege zum Betrieb und in die Schule finanzieren muss?


Die Höhe der Ausbildungsvergütung wird letztlich von den Tarifvertragsparteien festgelegt. Zwar kann jeder Betrieb davon abweichen. Aber die Handwerkskammern wachen bei der Eintragung der Ausbildungsverträge schon darüber, dass die Ausbildungsvergütung den tariflichen Betrag nicht um mehr als 20 Prozent unterschreitet. 


In Nordrhein-Westfalen beträgt die Ausbildungsvergütung für das erste Lehrjahr gegenwärtig 640 €. Aufgestockt wird dieser Betrag bei Vorhandenseins der Fachhochschulreife oder regelmäßig guten Berufsschulleistungen. Der Trend zu höheren Ausbildungsvergütungen hält seit Jahren bundesweit an. So beträgt die Anfangsvergütung für Kfz-Azubis in Baden-Württemberg stolze 919 €. Der Azubi im vierten Lehrjahr hat bereits Anspruch auf 1.142 €; zum Vergleich: in NRW sind es „nur“ 885 €. Ist die gleiche Ausbildung im Südwesten mehr wert? Sind die Azubis den Betrieben dort teurer? Auf diese Frage kann es keine richtige Antwort geben. Wenn der Wert einer Ausbildung von ihrer Vergütung abhängt, würden sich nicht so viele junge Leute auf Kosten ihrer Eltern oder mit eigenen enormen wirtschaftlichen Anstrengungen jedes Jahr für ein Hochschulstudium entscheiden. Viel wichtiger dürfte die berufliche Perspektive sein, die mit der Wahl der Ausbildung verbunden ist. Darüber entscheidet aber nicht zuletzt auch die Auswahl des Ausbildungsbetriebes. 

 

Dennoch stehen die Tarifpartner bei ihren Gesprächen in diesem Jahr vor dem Dilemma, bei der Verhandlung über die künftige Höhe der Ausbildungsvergütung zwischen der Ausbildungsbereitschaft der Betriebe und dem Signalcharakter für die potenziellen Auszubildenden und ihrer Eltern abwägen zu müssen. Ein „richtig“ oder „falsch“ ist da schwer auszumachen. Es bleibt da nur die Suche nach dem goldenen Mittelweg.