Ausgabe 04 | 2022

Blinder Fleck im Auge der Schulabgänger

Interview mit Oliver Krämer.

Interview mit Oliver Krämer. Er ist Geschäftsführer der Kfz-Innung Bonn/Rhein-Sieg und Hauptgeschäftsführer der Kreishandwerkerschaft in der Region.

TACHOMETER: Sie sehen die Fachkräftesituation im Kfz-Gewerbe kritisch. Warum?
Krämer: Es stimmt, dem äußeren Anschein nach mangelt es uns noch nicht an Auszubildenden, wenn es auch nur eine Frage der Zeit zu sein scheint. Der Kern des Problems liegt aber tiefer. Es beginnt schon bei der Suche nach dem passenden Auszubildenden. Haben sich vor einigen Jahren noch etwa 20 potenzielle Azubis auf einen ausgeschriebenen Ausbildungsplatz beworben, sind es heute noch etwa 2 bis 3.

Die ausgeschriebenen Ausbildungsplätze lassen sich also aktuell noch besetzen?
Krämer: Ja, es gibt noch Bewerber. Entscheidend sind jedoch die gesunkenen Bewerberzahlen pro Ausbildungsplatz und die damit einhergehende geringere Selektionsmöglichkeit bei der Wahl des Auszubildenden. Dem Handwerk fehlt es schlicht an Bewerbern mit dem nötigen Potenzial, um sie zu qualifizierten Fachkräften auszubilden. Diese werden mehr denn je im herausfordernden Berufsalltag gebraucht. Denn gerade der Beruf des Kraftfahrzeugmechatronikers ist schon anspruchsvoll und wird immer anspruchsvoller.

Worin sehen Sie die Gründe dafür?
Krämer: Der Fokus der Jugendlichen, Eltern und auch der Lehrer in den weiterführenden Schulen ist bei der Berufswahl derzeit zu wenig auf das Handwerk gerichtet. Aufgrund der prozentual deutlich gestiegenen Abiturientenzahlen strömen viele junge Menschen in die Hochschulen, um ein Studium zu beginnen. In der Vergangenheit gab es viel mehr Absolventen von Haupt- und Realschulen. Die haben ihre berufliche Zukunft eher im Handwerk gesehen. Dieser ‚blinde Fleck‘, wenn es um die Wahrnehmung der Chancen einer Handwerksausbildung geht, ist ein echtes Phänomen.

Wie kann man dieses Problem lösen?
Krämer: Zunächst gilt es, die Attraktivität des Berufs aufzuzeigen, denn letztlich hat das Kfz-Handwerk immer noch eine hohe Anziehungskraft. Die neuen Themenfelder wie die alternativen Antriebskonzepte mit E-Mobilität und Wasserstoff sowie die Datenverarbeitung und Vernetzung der Fahrzeuge zeigen die Zukunftsorientiertheit der Branche. Damit bietet der Beruf des Kfz-Mechatronikers viel in Sachen Weiterbildung, Karriere und Zukunftssicherheit. Es gibt sie noch, die Spitzenfachkräfte der Zukunft. Es ist nur schwieriger geworden, sie zu finden oder als Betrieb von ihnen gefunden zu werden. Deshalb müssen die Ausbildungsbetriebe die Initiative ergreifen, um sich selbst wieder ins Blickfeld potenzieller Azubis zu rücken.